Karriere: Machen Sie Ihre Ambition deutlich

Für die Karriereplanung ist es wichtig, eigene Ambitionen rechtzeitig anzumelden. In der Spitze wird die Luft sehr dünn: Wer nicht zeigt, dass er Interesse hat, wird glatt übersehen.

Willen zur Karriere verkünden

Spitzenjobs erscheinen uns Zuschauern unerhört hart. Die Manager und Politiker auf der obersten Ebene jetten um die Welt und verhandeln Tag und Nacht (auch unter Schlafentzug), zwischenzeitlich nehmen sie Termine im Alltagsgeschäft wahr. Wer drängelt sich darum? Nun, diese Menschen sind von ihrer Verantwortung beseelt, in der Wirtschaft werden sie zudem gut bezahlt. Sie sind das Kämpfen gewohnt und fighten daher auch um diese stressigen Jobs. Wenn sie das nicht müssten, wären sie wahrscheinlich den späteren Belastungen nicht gewachsen.

Wer also diese Jobs zu vergeben hat - etwa die Aufsichtsräte, die Spitzenmanager ernennen -, schaut auf diejenigen, die sich in die erste Reihe drängen. Wer schweigt, muss in dem harten und schnellen Geschäft übersehen werden. Eine weitere Erkenntnis lautet: Kämpfernaturen scheitern auch mal, doch sie rappeln sich wieder auf. Ein sehr schönes Beispiel liefert gerade (August 2018) unser ehemaliger Außenminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD).

Die Karriereplanung von Sigmar Gabriel

Sigmar Gabriel war Berufspolitiker und wusste immer, dass es ein Scheitern und auch einen krassen Karriereknick geben kann. Das hat er schon vor Jahrzehnten eingeplant. Er hatte dementsprechend schon kurz vor dem Ende seiner politischen Karriere verkündet, dass er beruflich aktiv bleiben werde, sogar mit einer Position als Berufsschullehrer hatte er kokettiert.

Nun ist sein Ehrgeiz erhört worden, und zwar an exponierterer Stelle: Siemens verhilft Sigmar Gabriel zu einer neuen Karriere. Der Technologiekonzern nominierte ihn im Frühjahr 2018 als Verwaltungsrat für eine Zug-Allianz zwischen Siemens und dem französischen Alstom-Konzern. Das passt zu vorherigen Jobs von Gabriel als Wirtschafts-, Energie- und Umweltminister, es gilt auch als ehrenhafter gegenüber der Wirtschaftskarriere seines Parteikollegen Gerhard Schröder, Bundeskanzler a.D. Dieser sitzt schon länger unter anderem im Aufsichtsrat des russischen Rosneft-Konzerns, er ist Aufsichtsratsvorsitzender der Nord-Stream-AG, welche die Ostsee-Pipeline baut, er gilt als Putin-Vertrauter und ist auf seinen Wirtschaftsposten durchaus umstritten.

Sigmar Gabriel dürfte hingegen in seinem neuen Job kaum an Reputation verlieren. Als Verwaltungsratsmitglied wird er eine kontrollierende Funktion innehaben, der Posten ist mit einem deutschen Aufsichtsratsmitglied vergleichbar. Ab dem Frühjahr 2019 kann Sigmar Gabriel seine Stelle als Aufsichtsrat im neuen Konzern antreten. Siemens-Alstom wird ein neues, kombiniertes Technologie-Unternehmen mit 15 Milliarden Euro weltweitem Umsatz und 62.300 Beschäftigten. Der deutsche und der französische Konzern wollen gemeinsam die drohende chinesische Übermacht abwehren. Im Reich der Mitte ist der Zug-Riese CRRC inzwischen so groß geworden, dass er weltweit bei Bieterschlachten mithalten kann. Er ist allein doppelt so groß wie Siemens und Alstom zusammen

Die Rolle von Sigmar Gabriel bei Siemens-Alstom

Solche Konzerne buhlen um milliardenschwere Staatsaufträge, sie brauchen erstklassige Kontakte in die Politik. Ein ehemaliger Spitzenpolitiker wie Sigmar Gabriel passt da ausgezeichnet ins Portfolio. Die anderen fünf deutschen Verwaltungsratsmitglieder werden hochrangige Siemens-Manager sein. Da von französischer Seite nur Wirtschaftsexperten bzw. Manager ins Gremium einziehen, kommt auf Sigmar Gabriel die wichtige Aufgabe zu, den ersten Kontakt zu den Verantwortlichen bei den Staatsbetrieben herzustellen, welche die künftigen Siemens-Alstom-Züge kaufen werden.

Gabriel kennt unzählige Personen in Schlüsselfunktionen, er wird die Rolle vermutlich gut ausfüllen. Wichtig ist aus Sicht seines Karriereplans, dass er rechtzeitig öffentlich und vermutlich auch hinter verschlossenen Türen verkündet hat, dass ihm solche Aufgaben liegen könnten. Darauf schauten die interessierten Verantwortlichen in der Wirtschaft sehr genau.

Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Bundeskanzler a.D. wie Gerhard Schröder oder ein Vizekanzler a.D. wie Gabriel anschließend ökonomische Lobbyarbeit betreiben. Sie könnten auch Memoiren schreiben oder als Hinterbänkler weiter dem politischen Geschäft nachgehen, Beispiele dafür gibt es genug.

Doch diese beiden SPD-Politiker haben rechtzeitig zum Ende ihrer politischen Karriere (Gabriel) oder kurz danach (Schröder) ihre Ambitionen deutlich angemeldet. Und darum geht es für jeden, der Karriere machen will: Er muss deutlich, wenn auch taktvoll und angemessen seine Ambitionen zu erkennen geben. Kluge Entscheider werden das immer registrieren und den Kandidaten bei entsprechender Eignung berücksichtigen.

Autor: Dr. Hans-Peter Luippold

Dr. Hans-Peter Luippold studierte Betriebswirtschaft in Freiburg und Köln und sammelte als Führungskraft bei Daimler, Volkswagen, Lufthansa, Wella und Vorwerk Erfahrungen in allen wesentlichen Unternehmensbereichen. Seit April 2000 ist er als Unternehmens- und Personalberater in Frankfurt am Main tätig. Er hält regelmäßig Vorträge und lehrt zu den Themen Erfolg und Karriere. Vernetzen Sie sich mit ihm über Xing und Facebook.