Die Bewerbung als Job und Marketingmaßnahme verstehen: Routinen bei der Jobsuche

Eine längere Jobsuche ist anstrengend, oft nervenaufreibend und manchmal höchst frustrierend. Um diese Zeit gut durchzustehen, sind Routinen äußerst nützlich.

Das Motivationsproblem beim Bewerbungsmarathon

Zu einer Bewerbungsphase gehören in jedem Fall Absagen - manchmal unerwartet viele. Je nach Jobprofil, persönlicher Qualifikation und Lebensalter führt manchmal erst die 100. oder gar 300. Bewerbung zum Erfolg. Diese Zahlen erschrecken zwar ArbeitnehmerInnen, die sich länger nicht bewerben mussten, sie sind aber teilweise dem digitalen Zeitalter geschuldet und weniger problematisch, als es auf den ersten Blick erscheint.

Der Personaler erhält auf eine Stellenausschreibung 400 Bewerbungen, doch jeder Kandidat hat sich auch rund 200 Mal beworben, weil das online relativ leicht ist. Diese Massenabfertigung ist nicht in allen Branchen anzutreffen, jedoch durchaus häufiger, als man glaubt. Den digitalen Fortschritt nutzen dabei beide Seiten: Der Bewerber speichert seine Standardbewerbung im Rechner ab und verschickt sie per Mail tagtäglich an zehn bis 15 Firmen, wo sie von einem Computerprogramm aufgenommen und in einer Datenbank per Abgleich gespeichert werden.

Nun erhalten die Bewerber oft Absagen und manchmal auch keine Antwort. Letzteres wäre vielen Firmen zu empfehlen, denn es tut nicht weh. Die Absagen hingegen demotivieren. In ein richtiges Loch fallen Bewerber, wenn sie zum Gespräch eingeladen wurden, aus ihrer Sicht die richtigen Antworten gegeben haben und am Ende doch den begehrten Job nicht erhalten. Das lässt schnell Selbstzweifel aufkommen.

Zeitstrukturierung während einer Bewerbungsphase

Gegen Anstrengung, Frust und Demotivation hilft Struktur. Es gibt viele Bewerber, die nicht daran gewöhnt sind, sich ihren Tag komplett allein durchzustrukturieren, weil in ihrem Arbeitsalltag der Job die Struktur vorgibt. Das Schaffen einer Struktur ist aber die erste Voraussetzung, um mit der nötigen Routine an die “Arbeit” des Bewerbens heranzugehen. Genau auf diese Weise sollte diese Phase aufgefasst werden: Es ist eine Arbeit, die nach statistischen Regeln irgendwann zum Erfolg führt und aus zwei Komponenten besteht:

  • dem routinierten Versenden der Bewerbung, wofür täglich neue Arbeitgeber zu evaluieren und auch zu verwalten sind (um Doppelungen zu vermeiden)
  • dem Vermarkten der eigenen Person

Der erste Punkt verlangt nur Fleiß und Ordnung. Der zweite Punkt verlangt ein Konzept.

Wie funktioniert die Selbstvermarktung für eine Bewerbung?

Zunächst einmal benötigen Bewerber ein Konzept, das zu der “Marke Ich” führt. Jeder Mensch hat positive Eigenschaften, die es hervorzuheben gilt. So funktioniert auch das Branding (die Markenbildung) für Produkte. Dabei muss der Fokus auf wenigen, aber wesentlichen Eigenschaften liegen, die für das Berufsbild, die Branche und den speziell angestrebten Job bedeutsam sind:

  • Ein Handwerker ist geschickt, fleißig und mit allen gängigen und neuen Techniken vertraut.
  • Eine Sekretärin ist multitaskingfähig, verschwiegen, pünktlich und kompetent in Office-Programmen.
  • Ein Manager ist kommunikativ, durchsetzungsstark und flexibel.

Zu viele Eigenschaften verwässern das Bild. Ein stringenter Lebenslauf, der zielgerichtet zum gegenwärtigen Berufs- und Jobwunsch führte, ist auf jeden Fall hilfreich. Bewerber sollten stets bedenken, dass ein Personaler nicht gern Romane liest, denn er erhält täglich sehr viele Bewerbungen. Für Aussagen mit einem Kern, die knapp auf den Punkt kommen, sind wir heute alle dankbar.

Routinen bei der Jobsuche schaffen

Es gibt Menschen, die in den ersten Tagen oder gar Wochen ihrer Arbeitslosigkeit die neue Freiheit sehr genießen. Das ist äußerst gefährlich, es führt zu Fahrlässigkeit und verlangsamtem Handeln. Die Jobsuche braucht Routinen und auch ein bestimmtes, messbares Arbeitstempo.

Hilfreich sind Zielstellungen: Täglich werden mindestens zehn neue Jobangebote gesucht, täglich werden daher auch mindestens zehn Mails mit einer Bewerbung verschickt. Täglich werden mindestens fünf Telefonate zum Nachfassen geführt. Wenn die Maschinerie erst einmal angelaufen ist, folgen wahrscheinlich wöchentlich mindestens zwei bis drei Einstellungsgespräche.

Auf diese Zahl hat der Bewerber keinen Einfluss, doch er muss diese Termine, die unregelmäßig stattfinden, in seine Routinen mit einkalkulieren. Das könnte so aussehen, dass ab der Phase der Einstellungsgespräche täglich nur noch fünf neue Jobangebote ausfindig gemacht werden. Schließlich muss die Zeit für die “Bewerbungsarbeit” reichen. Auch ein vernünftiger Feierabend mit der Familie gehört zur Routine. Ebenso gehört dazu, dass die Familie über die eigenen Anstrengungen informiert wird.

Was ist, wenn die möglichen Jobangebote “alle” sind?

Das gibt es nicht. Der Bewerber muss sich dann in verwandten Branchen und schließlich auch in weniger verwandten Branchen umsehen. Die Zeitungen und das Internet sind voll mit Stellenanzeigen.

Natürlich sind es nicht alle passende Jobs. Ein Handwerker und eine Lehrerin wollen nicht gern im Vertrieb arbeiten, doch ein Gespräch mit solchen Arbeitgebern ist auch informativ - selbst wenn es nur zum Entschluss führt, dass diese Richtung tatsächlich niemals angestrebt wird. Gespräche führen erhöht den Informationsstand. Mit guter Planung finden Bewerber dann routiniert ihre Richtung, die zum nächsten Job führt.

Autor: Dr. Hans-Peter Luippold

Dr. Hans-Peter Luippold studierte Betriebswirtschaft in Freiburg und Köln und sammelte als Führungskraft bei Daimler, Volkswagen, Lufthansa, Wella und Vorwerk Erfahrungen in allen wesentlichen Unternehmensbereichen. Seit April 2000 ist er als Unternehmens- und Personalberater in Frankfurt am Main tätig. Er hält regelmäßig Vorträge und lehrt zu den Themen Erfolg und Karriere. Vernetzen Sie sich mit ihm über Xing und Facebook.