Karrierefalle: Sie sind ein Universaltalent

Karrierefalle: Sie sind ein Universaltalent

Haben Sie zu viele Qualifikationen? Das könnte sich als Karrierefalle entpuppen. Firmen mögen eher Spezialisten. Wer vorgeblich sehr viel kann, gilt schnell als oberflächlich bis eklektisch.

Zu viele Qualifikationen: Fluch des Talents

Wir wollen zwischen den vielseitig interessierten, aber wirklich eher oberflächlichen Menschen und den echten, vielseitig begabten Talenten unterscheiden. Letztere tappen manchmal in eine Karrierefalle, die sie nicht vermutet hätten. Nicht nur, dass man ihnen im Job möglicherweise zu viel aufbürdet. Schlimmer ist die Tatsache, dass diese Menschen nicht einzuordnen sind. Das ist bei Bewerbungen prekär, doch auch im normalen Berufsalltag weiß die Firma oft nicht so recht, wo sie diese Kollegen hinstecken soll. Sie haben vielleicht Geschichtswissenschaft studiert und waren dann als Journalisten tätig, konnten schon immer auch sehr gut fotografieren, befassten sich zwangsläufig mit Bildbearbeitung und sind höchst computeraffin. Mit Menschen können sie auch. Sie könnten jetzt im Marketing, in der Verkaufsabteilung, vielleicht aber auch im Webdesign oder gar in der IT arbeiten. Manch ein studierter Wirtschaftswissenschaftler hat zeitweise das Rechnungswesen für ein KMU übernommen und schließlich IT-Migrationen durchgeführt, war auch Führungskraft und konnte im internationalen Projektmanagement eingesetzt werden. Er ist eine klassische Allzweckwaffe, doch wie präsentiert er sich bei der Bewerbung für eine neue Stelle? Das typische, plakativ erscheinende, aber sehr reale Szenario sieht so aus: Dieses Universalgenie bewirbt sich um einen Job im Controlling und führt mit dem Personalchef das Einstellungsgespräch. Letzterer runzelt die Stirn und meint an irgendeiner Stelle: “Für diese Position habe ich wahrscheinlich einen besseren Kandidaten, doch da wäre noch die Leitung der IT-Abteilung zu besetzen …” -
Wie aus der Pistole geschossen antwortet unser Multitalent: “Mache ich auch!” Mit dieser Antwort ist der Mann leider durchgefallen. Es glaubt ihm einfach niemand, dass er alles und alles auch noch sehr gut kann.

Zuspitzung des eigenen Profils

An dieser Stelle gilt es anzumerken, dass im Berufsalltag durchaus übergreifende Qualifikationen gefragt sind und teilweise auch gezielt eingesetzt werden. Sekretärinnen übernehmen mit einer Zusatzqualifikation oft die Buchführung einer kleinen Firma (oder umgekehrt), Programmierer können auch Webdesign, Marketingfachleute beherrschen SEO-Techniken aus dem FF. Doch auf Fach- und Führungspositionen sind teilweise starke Spezialisierungen gefragt. Wer die vielen Talente in sich spürt, muss am Ende für einen wirklichen Karrieresprung auf einen Kernbereich fokussieren - idealerweise auf den, der ihm am meisten liegt. Das wäre aus Sicht der Verwertung eines Talents ideal, doch in der Praxis muss man mit den größten Talenten keinesfalls das meiste Geld verdienen. So kann es Künstler geben, die auch von Marketing, Psychologie und Menschenführung sehr viel verstehen und daher als Vertriebsleiter viel Geld verdienen, obgleich sie sich in Wahrheit als Künstler fühlen und es auch sind. Der Vertriebsleiter, auf den weniger begabte Zeitgenossen sehr stolz wären, ist für sie nichts weiter als ein McJob. Dennoch sollten sie bei einer Bewerbung und selbst auf etablierter Position in einem Unternehmen ihre Kunst höchstens nebenher als Hobby erwähnen, egal, was sie damit vorhaben. Es hilft nichts: Wenn diese Menschen beruflichen und finanziellen Erfolg haben möchten, müssen sie in diesem konkreten Fall ihr Profil als Vertriebsleiter schärfen und von ihrer beruflichen Umgebung als solcher wahrgenommen werden. Das erscheint den Begabten manchmal tragisch, doch es sollte sie trösten, das eben 99,99 % aller Menschen höchstens durchschnittlich begabt sind und echtes Talent nicht nur nicht verstehen, sondern auch maßlos neidisch darauf sind und daher - beispielsweise als Chef oder Personalchef (bei einer Bewerbung) - wenigstens unbewusst stark ablehnend darauf reagieren.

Sollte man deshalb zu viele Qualifikationen vermeiden?

Falls Ihnen als sehr junger Mensch jetzt diese Frage in den Sinn kommt, lautet die klare Antwort: Das ist nicht möglich. Was Sie interessiert, werden Sie verfolgen. Mozart hat in rasender Geschwindigkeit komponiert und war gleichzeitig ein Klaviervirtuose (seinerzeit ein Superstar), darüber hinaus spielte er weitere Instrumente und reiste wie besessen mit der Pferdekutsche durch Europa. Er konnte auf nichts davon verzichten. Nehmen Sie also den McJob an und legen Sie bis zum 50. Lebensjahr unbedingt viel Geld beiseite. Sie werden diesen Ratschlag dann verstehen.

 
Dr.Hans-Peter Luippold

Autor: Dr.Hans-Peter Luippold

Dr. Hans-Peter Luippold studierte Betriebswirtschaft in Freiburg und Köln und sammelte als Führungskraft bei Daimler, Volkswagen, Lufthansa, Wella und Vorwerk Erfahrungen in allen wesentlichen Unternehmensbereichen. Seit April 2000 ist er als Unternehmens- und Personalberater in Frankfurt am Main tätig. Er hält regelmäßig Vorträge und lehrt zu den Themen Erfolg und Karriere. Vernetzen Sie sich mit ihm über Xing und Facebook.