100.000-Euro-Jobs: Warum oft kein Gehalt in der Anzeige genannt wird

100.000-Euro-Jobs: Warum oft kein Gehalt in der Anzeige genannt wird

Professionell bewerben | 23.06.2026

In Stellenanzeigen für Jobs ab 100.000 Jahresgehalt gibt es häufig keine Gehaltsangaben. Das zeigen neue Auswertungen. Wir erklären, warum das so ist.

Wer in Deutschland 100.000 Euro im Jahr verdient, trägt meist viel Verantwortung, führt komplexe Projekte oder bringt eine Spezialisierung mit, die im Unternehmen sonst niemand hat. Vielleicht planst du gerade genau diesen nächsten Schritt. Du durchforstest den Markt, findest spannende Positionen und merkst schnell: Bei den wirklich hochkarätigen Stellen fehlt fast immer die eine Information, die dich am meisten interessiert. Das Gehaltsfeld bleibt leer.

Auf den ersten Blick wirkt das willkürlich. Dahinter steckt aber ein nachvollziehbares Muster und eine Unternehmenskultur, die in Deutschland seit Jahrzehnten gewachsen ist. Wenn du verstehst, warum die Top-Gehälter verschwiegen werden, kannst du deinen eigenen Marktwert viel selbstbewusster einschätzen und gezielter in die Verhandlung gehen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Umso höher das Gehalt, desto seltener wird es in Stellenanzeigen genannt.
  • Ein Grund ist, dass hohe Vergütungen aus verschiedenen Komponenten bestehen.
  • Es gibt dennoch gute Möglichkeiten, das Gehalt vor einem Bewerbungsgespräch abzuschätzen.

Was 25.000 Stellenanzeigen über die Top-Gehälter verraten

Um zu sehen, wie offen deutsche Arbeitgeber wirklich über Geld sprechen, haben wir bei Stellenmarkt.de mehr als 25.000 aktuelle Stellenanzeigen ausgewertet. Das Ergebnis zeigt dir, wie selten ein Gehalt überhaupt in einer Anzeige steht.

Konkrete Gehaltsangaben sind quer durch den Markt die große Ausnahme. Nur ein kleiner Teil der Ausschreibungen nennt überhaupt eine genaue Zahl. Noch deutlicher wird das Bild, wenn du dir ansiehst, in welchen Beträgen sich diese wenigen Angaben bewegen:

Gehaltsklasse

Anteil (an Stellen mit Angabe)

50.000–60.000 €

43,9 %

40.000–50.000 €

22,8 %

über 70.000 €

10,5 %

unter 20.000 €

7,0 %

60.000–70.000 €

5,3 %

30.000–40.000 €

5,3 %

20.000–30.000 €

5,3 %

 

Das höchste Gehaltsband in der gesamten Stichprobe lautet „über 70.000 €“. Eine Zahl von 100.000 Euro oder mehr taucht in keiner einzigen Anzeige auf.

Wir haben ausschließlich konkret genannte Eurobeträge gezählt, keine Tarifverweise und keine vagen Spannen. Genau deshalb ist die Zahl so aussagekräftig. Die Angaben häufen sich im Mittelfeld und verschwinden nach oben hin fast vollständig.

Je höher das Gehalt, desto stiller wird es

Je höher die fachlichen Anforderungen und die Hierarchiestufe, desto diskreter wird der Markt. Unternehmen setzen seit jeher auf Diskretion. Über sensible Vergütungen reden Unternehmen bei solchen Positionen lieber direkt und persönlich mit den Kandidaten.

Betroffen sind oftmals Berufe mit den höchsten Gehältern wie zum Beispiel Wirtschaftsprüfer, Anwälte oder Ärzte.

Gesamtübersicht der Top-Berufe

Rang

Berufstitel

Durchschnittliches Jahresgehalt (brutto)

1

Chefarzt / Chefärztin

196.000 €

2

Investment Manager / Investment Managerin

große Bandbreite. Spitze bis > 300.000

3

Pilot / Pilotin

135.000 €

4

Patentanwalt / Patentanwältin

125.100 €

5

Oberarzt / Oberärztin

122.400 €

6

Fluglotse / Fluglotsin

>120..000 €

7

Senior Unternehmensberater / Unternehmensberaterin

120.000 €

8

IT-/ Sofwarearchitekt

100.000 €

9

Wirtschaftsprüfer / Wirtschaftsprüferin

85.300 €

10

Senior Key Account Manager

85.300 €

 

Warum die 100.000-Euro-Jobs ohne Angabe des Gehalts ausgeschrieben werden

Fehlt bei einer Spitzenposition das Gehalt, ist der Grund meist dieser: Top-Gehälter passen einfach nicht in standardisierte Tabellen.

Die Vergütungspakete sind in dieser Liga sehr individuell. Sucht ein Unternehmen jemanden für eine sechsstellige Rolle, geht es um eine bestimmte Mischung aus Führungserfahrung, Branchenwissen und der Fähigkeit, konkrete Probleme zu lösen. Was am Ende auf dem Vertrag steht, handeln beide Seiten gemeinsam aus, und es kommt vor allem darauf an, wie genau deine Erfahrung zur Stelle passt. Stünde vorab eine feste Zahl wie 110.000 Euro in der Anzeige, würde das eher schaden. Wer Erfahrung für 140.000 Euro mitbringt, fühlt sich nicht angesprochen. Gleichzeitig weckt die Zahl Hoffnungen bei Bewerbern, die das Anforderungsprofil noch gar nicht erfüllen.

Dazu kommt der Aufbau der Vergütung. Ab dem Management-Level oder bei gefragten Spezialisten schrumpft der Anteil des festen Grundgehalts, und erfolgsabhängige Komponenten gewinnen an Gewicht. Variable Anteile, leistungsbezogene Boni und langfristige Beteiligungen machen oft einen großen Teil des Gesamtpakets aus. Hinzu kommen ein Dienstwagen- oder Mobilitätsbudget und Zusagen zur betrieblichen Altersvorsorge. So ein vielschichtiges Paket lässt sich schlecht auf eine einzige plakative Zahl eindampfen.

Und dann gibt es noch eine ungeschriebene Regel. In Deutschland behält man Gehaltsfragen lieber im vertraulichen Rahmen. Niemand will derjenige sein, der diese Praxis aufbricht und das interne Gehaltsgefüge nach außen trägt. Unternehmen handeln hier durchaus rational. Diese Zurückhaltung schafft einen geschützten Rahmen, in dem beide Seiten ihre Erwartungen in Ruhe und gleichberechtigt abgleichen können.

Wo die Top-Jobs wirklich zu finden sind

Wenn die Stellen mit Spitzengehältern auf den üblichen Jobbörsen kaum auftauchen, verlagert sich die Suche. Der Zugang läuft über den verdeckten Stellenmarkt. Damit sind alle offenen Positionen gemeint, die ohne öffentliche Ausschreibung besetzt werden.

Statt der Anzeige steht hier die Direktansprache im Vordergrund. Unternehmen beauftragen Personalberatungen, Headhunter und Executive-Search-Agenturen damit, passende Führungskräfte und Spezialisten diskret zu finden. So lassen sich personelle Veränderungen in Ruhe vorbereiten. Eine vertrauliche Suche verhindert Unruhe im Team und hält sensible Informationen vom Wettbewerb fern. 

Für dich heißt das: Die Stelle existiert, sie wird dir nur auf einem exklusiven Weg angeboten.

Genauso wichtig sind Netzwerk und Empfehlungen. Bei kritischen Schlüsselpositionen greifen Entscheider gern auf Kontakte zurück, denen sie vertrauen. Eine persönliche Empfehlung senkt das Risiko einer Fehlbesetzung im Top-Segment spürbar. Auch der klassische Aufstieg im eigenen Haus führt oft in die 100.000-Euro-Klasse, weil Unternehmen ihre eigenen Leistungsträger am besten einschätzen können.

Startups bieten einen weiteren, dynamischen Weg nach oben. Das Fixum liegt anfangs manchmal unter der 100.000-Euro-Marke. Über Unternehmensbeteiligungen (ESOPs) wächst das Gesamtpaket bei einem erfolgreichen Exit aber weit in den sechsstelligen Bereich.

Überraschend transparent geht es bei tarifgebundenen Spitzenpositionen zu. In starken Industrien wie der Metall- und Elektroindustrie oder der Chemiebranche nähern sich die höchsten Entgeltgruppen der 100.000-Euro-Marke, sobald Leistungszulagen und tarifliche Sonderzahlungen dazukommen. Außertarifliche (AT) Angestellte überschreiten diese Schwelle über vertraglich garantierte Abstandsklauseln regelmäßig und völlig offen.

Mach dich für Headhunter sichtbar

Um an diesen verdeckten Markt heranzukommen, musst du deine Sichtbarkeit selbst in die Hand nehmen. Headhunter suchen gezielt über berufliche Netzwerke und Branchenkontakte nach Kandidaten.

Der erste Schritt ist ein scharfes Profil. Zeig dich als Spezialist für ein bestimmtes Thema und mach diese Spezialisierung unmissverständlich klar; als Generalist gehst du in der Masse unter. Beschreibe konkret, welche Probleme du in der Vergangenheit gelöst hast. Ein sauberer digitaler Auftritt mit klaren, branchenüblichen Schlüsselbegriffen und einer nachvollziehbaren Karrierestory wirkt wie deine digitale Visitenkarte.

Sichtbarkeit bekommst du außerdem über fachliche Beiträge und die Teilnahme an Branchendiskussionen. Wer regelmäßig fundierte Einschätzungen teilt, baut Vertrauen auf und rückt bei Executive-Search-Beratern in den Fokus. Klare fachliche Ausrichtung, belegbare Erfolge und gute Erreichbarkeit zusammen öffnen dir die Tür zu den diskret gehandelten Stellen.

So findest du heraus, wie hoch das Gehalt für einen Job ist

Weil die Stelle selbst kein Preisschild trägt, recherchierst du das Gehalt eben selbst. Den besten Startpunkt liefern Gehaltsreports und Datenbanken. 

Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit

Der Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit gibt dir belastbare Medianwerte für fast jeden Beruf, aufgeschlüsselt nach Region und Qualifikation. Daraus leitest du eine realistische Spanne für deine Rolle und deine Zielregion ab.

Entgeltatlas Bundesagentur für Arbeit: Beispiel Richter
Entgeltatlas Bundesagentur für Arbeit: Beispiel Richter

Gehaltsrechner des Statistischen Bundesamts

Der Gehaltsrechner des Statistischen Bundesamts gibt dir eine ungefähre Gehaltsbandbreite für verschiedene Berufe und berücksichtigt dabei Faktoren wie die Größe des Unternehmens, deine Berufserfahrung und die Branche. Damit kannst du schon recht genaue Eckdaten ermitteln.

Gehaltsangabe des Gehaltsrechners Statistisches Bundesamt
Gehaltsangabe des Gehaltsrechners Statistisches Bundesamt

Gehaltsportale

Vorsicht ist geboten bei Angaben aus bestimmten Gehaltsportalen. Hier findest du zwar Gehaltsangaben zu fast jedem Job, doch ist oftmals unklar, woher genau die Daten stammen und wie sie ermittelt wurden. Deshalb solltest du solche Zahlen bestenfalls als grobe Orientierungswerte nutzen.

Die beste Quelle: das eigene Netzwerk

Neben den öffentlich verfügbaren Daten ist dein eigenes Netzwerk eine der besten Quellen, vorausgesetzt, du gehst diskret vor. Erkundige dich bei deinen Kontakten in vergleichbaren Positionen am besten indirekt, statt sie direkt nach der genauen Zahl zu fragen. Beispiel: „Welche Gehaltsspanne gilt für eine Rolle mit dieser Verantwortung in unserer Branche aktuell als marktgerecht?“ Solche Einschätzungen von Leuten aus der Branche sind oft aktueller und genauer als jede aggregierte Datenbank.

Im Bewerbungsprozess selbst ergreifst du die Initiative. Es wirkt professionell, früh im Kennenlernen nach der budgetierten Spanne für die Stelle zu fragen. Damit zeigst du dich als zielorientierter Gesprächspartner und sorgst dafür, dass die Erwartungen auf beiden Seiten grundsätzlich zusammenpassen. Und wie du gleich siehst, bekommst du dabei bald kräftige Unterstützung vom Gesetzgeber.

So verhandelst du ein Gehalt, das nirgends steht

Die Verhandlung eines Spitzengehalts beginnt lange vor dem eigentlichen Termin. Du bringst dein recherchiertes Marktwissen mit und führst das Gespräch dadurch gleichberechtigt.

Dein größter Hebel: Du argumentierst mit einer vorab recherchierten Gehaltsspanne, anstatt eine einzelne Zahl in den Raum zu werfen. Die Verwendung einer Gehaltsspanne zeigt, dass du flexibel bist und den Markt kennst. Der psychologische Ankereffekt sorgt dafür, dass sich die weitere Verhandlung an deinem Korridor orientiert.

Bewerte dabei immer das ganze Paket. Ein auf den ersten Blick mageres Fixum wird deutlich attraktiver, wenn garantierte Boni, leistungsabhängige Anteile oder Unternehmensbeteiligungen dazukommen. Auch ein hohes Mobilitätsbudget, zusätzliche Urlaubstage, flexible Arbeitsmodelle oder gute Zuschüsse zur Altersvorsorge zählen mit. Du verhandelst den Gesamtwert deiner Position und nicht bloß die Zahl, die monatlich aufs Konto kommt.

Zusätzlich stärken dich gutes Timing und Alternativen. Wer ein zweites konkretes Angebot in der Hinterhand hat, tritt automatisch souveräner auf. Diese Unabhängigkeit signalisiert deinem Gegenüber deinen Marktwert und macht das Unternehmen eher bereit, seine finanziellen Spielräume zu deinen Gunsten auszuschöpfen.

Was sich gerade ändert und was das für dich heißt

Das alte System der Gehaltsfindung gerät gerade in Bewegung. Die Spielregeln werden auf europäischer Ebene neu gesetzt, und das verschafft dir künftig eine deutlich bessere Position. Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie (Richtlinie (EU) 2023/970) bringt spürbare Veränderungen für den gesamten Arbeitsmarkt.

Eigentlich hätte die Richtlinie bis zum 7. Juni 2026 in deutsches Recht überführt sein müssen. Deutschland hat diese Frist verpasst. Die vollständige Umsetzung wird jetzt für 2027 erwartet. An der Richtung ändert die Verzögerung nichts. Viele Unternehmen bereiten sich längst auf die neuen Vorgaben vor.

Für dich heißt das: Arbeitgeber müssen dir das Einstiegsentgelt oder eine Gehaltsspanne künftig unaufgefordert nennen, und zwar schon vor dem ersten Vorstellungsgespräch. Gleichzeitig wird die Frage nach deinem bisherigen Gehalt verboten. So können alte Gehaltsstrukturen deinen aktuellen Marktwert nicht mehr nach unten ziehen.

Direkt in der Stellenanzeige muss das Gehalt nicht zwangsläufig stehen; die Information kann dich auch vorab auf anderem Weg erreichen. Für deinen Bewerbungsprozess macht das trotzdem einen riesigen Unterschied. Du kennst die Zahl, um die es geht, bald viel früher und triffst deine Karriereentscheidungen auf einer verlässlichen Basis.

Dr. Hans-Peter Luippold

Autor: Dr. Hans-Peter Luippold

Dr. Hans-Peter Luippold studierte Betriebswirtschaft in Freiburg und Köln und sammelte als Führungskraft bei Daimler, Volkswagen, Lufthansa, Wella und Vorwerk Erfahrungen in allen wesentlichen Unternehmensbereichen. Seit April 2000 ist er als Unternehmens- und Personalberater in Frankfurt am Main tätig. Er hält regelmäßig Vorträge und lehrt zu den Themen Erfolg und Karriere. Vernetzen Sie sich mit ihm über Xing und LinkedIn.

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