Anonyme Bewerbung: Wann macht das Sinn?

Eine anonyme Bewerbung ist tatsächlich vollkommen anonym, was bedeutet, dass der/die Bewerber/in weder sein/ihr Geschlecht noch das Alter und selbstverständlich auch nicht den eigenen Namen preisgibt. Andere private Dinge werden ebenfalls verschwiegen. Dieses Vorgehen soll jede Diskriminierung unterbinden. Wie es genau abläuft und was es für Vor- und Nachteile mit sich bringt, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Warum bewerben sich Menschen anonym?

Es gibt mehrere Zielgruppen, die nicht zu Unrecht Nachteile aufgrund persönlicher Merkmale und/oder Eigenschaften befürchten. Dazu gehören unter anderem:

  • Frauen und besonders Frauen mit Kindern
  • Männer, die sich für eher typische Frauenberufe bewerben
  • Menschen mit drittem Geschlecht oder Transgender
  • Menschen mit Migrationshintergrund
  • etwas ältere Arbeitsuchende (schon ca. ab dem 46. Lebensjahr)
  • Menschen mit Handicap

Diese Personen haben bei gleicher Qualifikation geringere Chancen im Bewerbungsverfahren. Das geht trotz der Anstrengungen der Politik und der gegenteiligen Beteuerungen aus der Wirtschaft aus diversen Studien hervor. Unter anderem konnte das IZA (Institut zur Zukunft-der Arbeit) durch eine Studie belegen, dass für Menschen mit einem türkischen Namen die Chance auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch um 14 Prozent sinkt - selbst wenn sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Wer sich anonym bewirbt, kann Vorurteile vermeiden und auf Chancengleichheit hoffen. In so einer Bewerbung werden ausschließlich die Qualifikationen und beruflichen Erfahrungen vermerkt. Die Vor- und Nachteile dieser Bewerbungsform halten sich in etwa die Waage. Für Berufseinsteiger gilt sie unter Arbeitsmarktexperten als eher ungeeignet.

Wie sieht die anonyme Bewerbung aus?

Wer sich mit der Thematik noch nicht befasst hat, fragt nach den Unterschieden zur normalen Bewerbung, nach der Art der weggelassenen Angaben und nach dem Ablauf des anonymisierten Bewerbungsverfahrens.

Grundsätzlich ist festzuhalten: Persönliche Angaben fehlen in dieser Bewerbung gänzlich. Das wirkt zunächst sehr eigentümlich, doch es gibt diese Bewerbungsform in Nordamerika (USA und Kanada) schon seit den 1960er Jahren. In Deutschland setzt sie sich seit 2010 allmählich durch, ist aber bislang (Stand: 2018) immer noch relativ wenig bekannt.

Im Jahr 2010 startete die ADS (Antidiskriminierungsstelle des Bundes) ein entsprechendes Pilotprojekt, das Bewerber und Unternehmen ermutigen sollte, dieser Bewerbungsform aufgeschlossener gegenüberzustehen. Die Akzeptanz blieb dennoch gering, was möglicherweise auch kulturelle Hintergründe hat.

Diese bewirken zwei gegensätzliche Tendenzen: Einerseits wird das Diskriminierungsproblem hierzulande und in ganz Europa nicht als so gravierend empfunden wie in Nordamerika, wo der Rassismus traditionell eine große Rolle spielt, andererseits können sich Europäer einfach viel schlechter vorstellen, einen Menschen als solchen und nicht als Mann, Frau, deutsch oder ausländisch, behindert oder nicht behindert, jung oder alt zu betrachten.

Es ist sogar möglich, dass Personalchefs in etwas kleineren Unternehmen von der anonymen Bewerbung bislang nur wenig bis nichts gehört haben. Sie sollten sie aber kennen, denn allein wegen der Anonymisierung dürfen sie eine Bewerbung nicht ablehnen. Das schreibt das Diskriminierungsverbot (Artikel 14 der Europäischen Menschenrechtskonvention) vor. Dennoch dürften manche unerfahrenen Personalchefs über eine anonymisierte Bewerbung zunächst staunen. Es fehlen in ihr:

  • Name, Anschrift, Telefonnummer und Bewerbungsfoto
  • Geschlecht
  • Geburtsdatum
  • Staatsangehörigkeit
  • Familienstand
  • persönliche Interessen und Hobbys
  • Jahreszahlen im Lebenslauf, die Rückschlüsse auf das Alter zulassen

Genannt werden vielmehr die Ausbildung, Berufs- und Studienabschlüsse sowie weitere berufliche Qualifikationen.

Ablauf des anonymen Bewerbungsverfahrens

Die Unternehmen bieten vielfach von sich aus das Inkognito-Bewerbungsverfahren an. Dazu sind sie aber nicht verpflichtet. Dennoch können Sie sich anonym bewerben. Sie haben dann die Wahl zwischen mehreren Optionen, die wir aufzeigen möchten:

  • Anonymisierung nachträglich durchführen lassen: Sie versenden Ihr Bewerbungsschreiben und den Lebenslauf wie üblich, lassen also keine Informationen weg, bitten aber die Personalabteilung um Anonymisierung. Diese schwärzt dann die genannten Infos, bevor ein Entscheider die Bewerbung sieht.
  • Anonymisierung beim Online-Bewerbungsverfahren: Wenn Unternehmen einen Online-Fragebogen zur Verfügung stellen, kann es von diesem eine Variante mit Anonymisierung geben. In dieser existieren Felder für die genannten wegzulassenden Daten gar nicht erst. Sie hinterlassen allein eine E-Mail-Adresse als Kontaktmöglichkeit.
  • Anonymisierung auf dem papiernen Bewerbungsbogen: Manche Arbeitgeber stellen Bewerbungsbögen auf Papier zur Verfügung, in denen die Felder mit persönlichen Daten fehlen. Solche Formulare kann das Unternehmen auch online zum PDF-Ausdruck bereitstellen.

Im weiteren Verlauf können Sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Dann werden Sie dem Personalchef bekannt: Er sieht Ihr Geschlecht, Ihr ungefähres Alter und Ihre ethnische Zugehörigkeit.

Doch Sie müssen auch in diesem Gespräch keine weiteren Informationen preisgeben, sonst hätte das Verfahren nicht viel Zweck gehabt. Fokussieren Sie also nach wie vor auf berufliche Anforderungen und auf Ihre Fähigkeiten und Qualifizierungen, die diesen Anforderungen entsprechen.

Welche Vor- und Nachteile hat eine anonyme Bewerbung?

Es gibt Vor- und Nachteile der anonymisierten Bewerbung. Diese lassen sich wie folgt beschreiben:

Vorteile
  • Es ist keinerlei Diskriminierung - auch nicht latent - im Auswahlverfahren möglich.
  • Die tatsächlichen fachlichen Stärken und Schwächen rücken viel mehr in den Vordergrund. Dieser Vorteil ist nicht zu unterschätzen.
  • Auch der Sympathie- oder Antipathiefaktor allein wegen eines Fotos entfällt. Dieser kann bei sehr vielen Bewerbungen starken Einfluss auf die Auswahlentscheidung eines Personalers haben.
Nachteile
  • Bewerber können freilich auch mit keinem Sympathiebonus punkten.
  • Einzigartige Persönlichkeitsmerkmale wie vielleicht ein interessantes Hobby kommen nicht zum Tragen.

Daher ist die anonyme Bewerbung für einen Bewerber stets nur mehr oder weniger hilfreich.

Foto: © Elnur Adobe Stock

Autor: Dr. Hans-Peter Luippold

Dr. Hans-Peter Luippold studierte Betriebswirtschaft in Freiburg und Köln und sammelte als Führungskraft bei Daimler, Volkswagen, Lufthansa, Wella und Vorwerk Erfahrungen in allen wesentlichen Unternehmensbereichen. Seit April 2000 ist er als Unternehmens- und Personalberater in Frankfurt am Main tätig. Er hält regelmäßig Vorträge und lehrt zu den Themen Erfolg und Karriere. Vernetzen Sie sich mit ihm über Xing und Facebook.