Homeoffice oder das Büro in der Jackentasche

Es muss nicht einmal die Arbeit daheim sein: Smartphone und Tablet genügen vielen Berufstätigen heute als “Büro” vollkommen. Sie können daher ihren Job ebenso gut am heimischen Schreibtisch oder auf der Couch, aber auch im Café an der Ecke, im Park oder am Strand erledigen. Überall checken sie ihre Mails, arbeiten online an Projekten und telefonieren mit ihren Kunden. Das nötige Equipment passt tatsächlich in die Jackentasche. Inzwischen bieten knapp 40 Prozent der deutschen Unternehmen ihren Mitarbeitern die Option der Heimarbeit an, vor allem die größeren Firmen greifen diesen Trend auf. Das hat das Münchner ifo Institut gemeinsam mit den Experten des Personaldienstleisters Randstad 2018 in einer Umfrage ermittelt. Es stellt sich nun die Frage, ob die Vor- oder Nachteile dabei überwiegen. Zweifellos genießen die Beschäftigten mehr Freiheiten, die Unternehmen sparen Geld für die Einrichtung von Arbeitsplätzen. Doch gibt es für die Beschäftigten überhaupt noch einen Feierabend, eine konsequente Trennung von Berufs- und Privatleben? Wir wollen und die Fakten etwas genauer anschauen.

Arbeit im Home Office: Vor- und Nachteile

Fakt 1: Der Beruf und die Familie lassen sich bei Heimarbeit definitiv besser vereinbaren. Immerhin wählen die Beschäftigten den Arbeitsort selbst und teilen sich ihre Arbeitszeit flexibler ein. Ein wichtiger Fakt ist vor allem in größeren Städten, dass der Arbeitsweg entfällt, auch eine Arbeitskleidung (angemessenes Büro-Outfit) braucht der Heimarbeiter nicht. Daheim kann sich der Berufstätige nebenher (auch) mit der Familie befassen. Allerdings gelingt das manchmal nur suboptimal. Wer etwa daheim ein kleines Kind betreuen muss, kann kaum nebenbei an Telefon-Konferenzen teilnehmen. Auch lassen sich Mails nicht eben mal auf dem Weg zum Supermarkt oder in die Kita erledigen. Es könnte also gelegentlich doppelter Stress entstehen.

Fakt 2: Im Homeoffice arbeiten Menschen effizienter. Dieser Fakt ist bewiesen, hat freilich auch seine Schattenseiten. Wer den Smalltalk im Büro liebt und braucht, kann sich daheim schnell einsam fühlen. Auf der anderen Seite gibt es in Büros Ablenkungen zuhauf und auch jede Menge sozialer Reibungspunkte, die sehr stressen können. Die mögliche Einsamkeit daheim hängt wiederum a) von der Art der Arbeit ab (auch Online-Kommunikation ist Kommunikation) und b) vom Lebensalter und der Lebenssituation des betreffenden Heimarbeiters. Es gibt unter diese Berufstätigen eine Sorte, die eher selten im Fokus der Betrachtung steht: Selbstständige oder Arbeitnehmer jenseits des 50. Lebensjahres, die in letzter Zeit ins heimische Büro gewechselt sind, seit die Online-Wirtschaft das ermöglicht, und die diesen Zustand sehr genießen. Sie haben ihr Leben lang in Büros neben andere Kollegen gehockt, Kunden empfangen und fortlaufend Telefonate entgegen genommen. Ihr Bedarf für dieses Leben ist gestillt. Wenn sie kommunizieren möchten, halten sie einen Schwatz mit dem Nachbarn. Daheim lassen sich Projekte sehr effizient und schnell erledigen. Nebenher kann die Waschmaschine laufen. Auch Multitasking funktioniert daheim wesentlich besser, das kann zusätzlich die Effizienz erhöhen.

Fakt 3: Arbeit und Privatleben mischen sich. Das geht schon aus den anderen Fakten hervor und gilt als problematisch. Auch ohne Arbeit im Homeoffice ist dieser Effekt zu beobachten, wie das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Jahr 2017 ermittelte. Fast die Hälfte aller Berufstätigen checkt nach Feierabend zu Hause die beruflichen E-Mails. Inzwischen haben große Unternehmen darauf reagiert. BMW und Volkswagen räumen ihren Beschäftigten das Recht auf Nichterreichbarkeit nach Feierabend ein. Sie versenden nach Feierabend auch generell keine Mails mehr an die Mitarbeiter. Bei absoluter Heimarbeit aber gibt es praktisch nie einen Feierabend.

Fakt 4: Daheim wird mehr unbezahlte oder sehr schlecht bezahlte Arbeit geleistet. Die Gewerkschaften kritisieren das und fordern eine klare Erfassung der geleisteten Arbeit. Es gibt bezüglich des Phänomens der heimischen Selbstausbeutung zwei grundsätzliche Modelle: Angestellte arbeiten das Projekt hintereinander ab und werden zeitiger fertig, als das im Büro gelungen wären, weil sie daheim pro Tag länger (und ungestörter) daran arbeiten. Selbstständige (Online-Freiberufler) arbeiten an sehr schlecht bezahlten Aufträgen. Sie erreichen auch bei höherer Qualifikation und Erfahrung oft nicht einmal den Mindestlohn. Dieser Trend lässt sich aber in der boomenden Online-Wirtschaft vermutlich nicht aufhalten. Er kann zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen und zu einer neuen, bislang unbemerkten Verelendung führen. Dieses Thema sollten sich möglicherweise politische Parteien in ihre Agenda schreiben.

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Autor: Dr. Hans-Peter Luippold

Dr. Hans-Peter Luippold studierte Betriebswirtschaft in Freiburg und Köln und sammelte als Führungskraft bei Daimler, Volkswagen, Lufthansa, Wella und Vorwerk Erfahrungen in allen wesentlichen Unternehmensbereichen. Seit April 2000 ist er als Unternehmens- und Personalberater in Frankfurt am Main tätig. Er hält regelmäßig Vorträge und lehrt zu den Themen Erfolg und Karriere. Vernetzen Sie sich mit ihm über Xing und Facebook.