‘Lifestyle-Teilzeit’: Ist die Forderung nach Einschränkung der Teilzeitarbeit gerechtfertigt?

‘Lifestyle-Teilzeit’: Ist die Forderung nach Einschränkung der Teilzeitarbeit gerechtfertigt?

News | 02.02.2026

Von Teilen der CDU wird eine Beschränkung des Rechts auf Teilzeitarbeit gefordert. Zur Begründung wird der Fachkräftemangel in Deutschland angeführt. Schnell gab es Kritik auf diesen Vorstoß. Wer hat in dieser Diskussion die besseren Argumente?

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Teile der CDU fordern, dass ein Anspruch auf Teilzeit nur noch bei besonderen Gründen bestehen soll.
  • Daran gibt es Kritik von verschiedenen Seiten.
  • Wichtig ist es, dabei sowohl die Perspektive der Arbeitnehmer als auch der Unternehmen im Blick zu haben.

Teilzeit soll nur noch bei 'besonderen Gründen' möglich sein

Wieder einmal wird ein Thema heiß diskutiert, das die Arbeitswelt betrifft: Es geht um die Möglichkeit der Teilzeitarbeit. Der Wirtschaftsflügel der CDU will den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit abschaffen. Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) will dazu einen Antrag mit dem Titel “Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit” einbringen. Das bedeutet konkret: keine Teilzeit mehr ohne besonderen Grund.

Zustimmung kommt von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Deren Vorsitzender Andreas Gassen hatte zuletzt bemängelt, dass Menschen, die freiwillig weniger arbeiten, um mehr Freizeit zu haben, weniger in die Sozialsysteme einzahlen würden, während sie die vollen Leistungen beziehen.

In Deutschland besteht grundsätzlich ein Recht auf Teilzeit

In Deutschland haben Arbeitnehmer grundsätzlich das Recht, in Teilzeit zu arbeiten. Das und geltende Ausnahmen sind im Teilzeit- und Befristungsgesetz geregelt. Demnach haben Arbeitnehmer mit einer nicht unterbrochenen Betriebszugehörigkeit von mehr als sechs Monaten Anspruch auf die Verringerung ihrer Arbeitszeit. Zudem muss der Arbeitgeber in der Regel mehr als 15 Mitarbeiter beschäftigen. Eine Ablehnung ist nur möglich, wenn es dafür dringende betriebliche Gründe wie zum Beispiel gestörte Arbeitsabläufe gibt.

Das heißt: Derzeit können die meisten Arbeitnehmer, wenn sie das möchten, von Vollzeit auf Teilzeit wechseln. Viele haben das bereits in Anspruch genommen. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes lag die Teilzeitquote in Deutschland im Jahr 2024 bei 29,1 Prozent, wobei die Quote bei Frauen mit 48,6 Prozent die Quote bei Männern (11,7 Prozent) deutlich überstieg.

Teilzeitquote in Deutschland 2024: Quelle: Statistisches Bundesamt
Teilzeitquote in Deutschland 2024: Quelle: Statistisches Bundesamt

Forderung stößt auf Kritik

Gleichzeitig herrscht in Deutschland trotz der zunehmenden Anspannung auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor in verschiedenen Branchen Fachkräftemangel. Das Institut der Deutschen Wirtschaft erwartet für das Jahr 2027 eine Lücke von 728.000 Fachkräften - vor allem in sozialen Berufen.

Vor diesem Hintergrund ist die Forderung nach weniger Teilzeit nachvollziehbar. Allerdings gibt es auch deutliche Kritik aus Politik und Wirtschaft. So wirft zum Beispiel die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, Dagmar Schmidt, der MIT vor, sie schade dem Zusammenhalt im Land. Man müsse in die Menschen im Land investieren und sich zum Beispiel um eine bessere Qualifikation und eine höhere Produktivität bemühen. 

Nach Auffassung des Chefs des Deutschen Instituts für WIrtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, könnte eine Einschränkung des Rechts auf Teilzeit sogar zu einem Rückgang der Beschäftigung und zu einem noch größeren Fachkräftemangel führen.

Es müssen hier verschiedene Perspektiven beachtet werden.

Da wäre zunächst einmal die familiäre Situation vieler Arbeitnehmer. Wer sich zum Beispiel parallel zum Job um die Kindererziehung kümmern muss, kann das oftmals nur bei einer Reduzierung der Arbeitsstunden leisten. Solange es in Deutschland in vielen Gegenden noch zu wenige Kita-Plätze und Betreuungsangebote gibt, wird der Bedarf an Teilzeit kaum sinken.

Ein weiterer Grund für Teilzeitarbeit ist die Pflege von Angehörigen. Angesichts des demografischen Wandels mit einer alternden Gesellschaft und immer weniger jüngeren Menschen im arbeitsfähigen Alter lastet mehr Verantwortung auf den nachrückenden Generationen. Ein Vollzeitjob bei gleichzeitiger Sorgearbeit für Angehörige ist kaum vorstellbar und für die meisten nicht zu leisten.

Allerdings muss der Vollständigkeit halber ergänzt werden, dass genau diese Gründe, also Teilzeit für Erziehung und Pflege, im Antrag der MIT nicht gemeint sind. Sie bezieht sich auf eine sogenannte “Lifestyle-Teilzeit”. Damit meinen sie Menschen, die mehr Freizeit haben und weniger arbeiten möchten. 

Zum Vorwurf, Teilzeitarbeitende würden die Sozialsysteme ausnutzen, ist klar zu sagen: Es liegt ja gerade in der Natur dieser Systeme, dass sie gleiche Leistungen für alle Einzahler bieten, ganz gleich, ob es sich um jemanden mit großem oder kleinen Einkommen handelt. Das sieht das Solidaritätsprinzip vor. Ansonsten würden diejenigen mit großem Gehalt gegenüber Beitragszahlern mit geringem Einkommen bevorzugt. Wer übrigens aufgrund von Teilzeit weniger in die Rentenkasse einzahlt, erhält später auch weniger Rente.

Von einer “Lifestyle”-Freizeit kann bei den meisten keine Rede sein. Neben den genannten Gründen wie Pflege und Erziehung gibt es oftmals andere konkrete, praktische und zwingende Gründe für eine Reduzierung. Und selbst, wenn das nicht der Fall ist: Es sollte immer noch jedem und jeder selbst überlassen werden, wie viel oder wie wenig er oder sie arbeiten möchte. Nur darf dabei der Betrieb im Unternehmen nicht gestört werden. Ein kleines Unternehmen muss zum Beispiel davor geschützt werden, dass bestehende Abläufe wegen des Wechsels von Vollzeit auf Teilzeit eines zentralen Mitarbeiters gestört werden. Genau für solche Fälle sieht das aktuelle Gesetz bereits Ausnahmen vor. Hier besteht kein Anpassungsbedarf.

Was wirklich sinnvoll wäre

Wichtiger wäre es, allen denjenigen, die aktuell in Teilzeit arbeiten und die gerne auf Vollzeit erhöhen würden, entsprechende Möglichkeiten zu bieten. Das scheitert jedoch meist an einem von zwei Gründen: Entweder gibt es keine passenden Betreuungsmöglichkeiten für Kinder - seien es Kita-Plätze oder entsprechende Angebote direkt im Betrieb, oder es fehlt an Pflegeangeboten. Nicht zu vergessen: Die Pflege wird immer teurer; viele können sich das nicht leisten und kümmern sich daher selbst.

Und: Oftmals bieten Unternehmen gar keine Möglichkeit zum Aufstocken auf Vollzeit. So gibt es ein verfügbares, aber ungenutztes Potenzial an Arbeitskraft. Hier ist es an den Unternehmen, bessere Möglichkeiten zu schaffen.

Fazit

Was bleibt, ist die Vermutung, dass mit der Forderung nach Abschaffung der sogenannten “Lifestyle-Teilzeit” vor allem Aufmerksamkeit erzeugt werden sollte. Wenn das am Ende dazu führt, dass die Möglichkeiten für diejenigen, die gerne mehr arbeiten würden, verbessert werden, ist das zu begrüßen. Es bringt allerdings wenig, nur die Rechte und Freiheiten der Arbeitnehmer zu beschneiden. Wer weniger arbeiten will, wird das auch umsetzen. Daran ändern Gesetze wenig.

Dr. Hans-Peter Luippold

Autor: Dr. Hans-Peter Luippold

Dr. Hans-Peter Luippold studierte Betriebswirtschaft in Freiburg und Köln und sammelte als Führungskraft bei Daimler, Volkswagen, Lufthansa, Wella und Vorwerk Erfahrungen in allen wesentlichen Unternehmensbereichen. Seit April 2000 ist er als Unternehmens- und Personalberater in Frankfurt am Main tätig. Er hält regelmäßig Vorträge und lehrt zu den Themen Erfolg und Karriere. Vernetzen Sie sich mit ihm über Xing und LinkedIn.