Konstruktive Kritik: Annehmen und Äußern lernen

Konstruktive Kritik: Annehmen und Äußern lernen

Kritik begegnet uns im Alltag bei verschiedenen Gelegenheiten - besonders in der Arbeitswelt. Häufig kommt sie "von oben", also von Chef oder Vorgesetztem. Allerdings kann es auch zwischen Kollegen bei der Arbeit im Team zu Situationen kommen, in denen ein Verhalten der anderen Person kritikwürdig ist und einer entsprechenden Rückmeldung bedarf. Schnell verbindet man mit dem Gedanken daran negative Emotionen und Erfahrungen. Der Umgang mit Kritik sowie das Äußern und Annehmen konstruktiver Kritik kann allerdings auch erlernt und geübt werden. Da entsprechende Fähigkeiten grundlegend zur Harmonie in einem Betrieb beitragen, sollten nicht nur Führungskräfte sie beherrschen. In diesem Artikel sollen Möglichkeiten für ein konstruktives Gespräch beleuchtet werden.

Kritik – was ist das überhaupt?

Übersetzt bedeutet 'Kritik' in etwa 'zwei Dinge voneinander trennen'. Beim Kritisieren geht es also darum, eine Sache genau zu betrachten. In der Berufswelt wird eine Leistung des Arbeitnehmers durch Kritik des Vorgesetzten beurteilt.

Nicht jede Kritik geht mit einer Beanstandung einher. Man kann wohlwollend kritisieren, indem man sein Gegenüber lobt. Leider gelingt ein sachliches Kritisieren nicht in jeder Situation. Vor allem dann nicht, wenn sich die betreffende Person im Gespräch von ihrem Gegenüber angegriffen fühlt.

Solche Unstimmigkeiten passieren allgemein bei Kritik an verbesserungsbedürftigen oder mangelhaften Leistungen. Selbst bei begründeter Kritik kann es zu Missverständnissen und Kränkung kommen. Eine objektive Haltung zur Sachlage ist daher für beide Beteiligte unverzichtbar. Man spricht über eine Arbeitsleistung, die verbessert werden muss. Kritikgespräche dürfen nicht als Gelegenheit aufgefasst werden, um seine Mitarbeiter/Kollegen herabzusetzen.

5 Formen: Konstruktiv, destruktiv, negativ, positiv, Selbstkritik

Man kann auf unterschiedliche Weise kritisieren. Die Argumente des 'Kritikers' können dabei konstruktive oder destruktive Auswirkungen auf den Gegenüber und das weitere Gespräch haben. Eng mit ihnen verknüpft sind positive bzw. negative Kritikformen. Selbstkritik bezieht sich hingegen auf die Fähigkeit einer einzelnen Person, das eigene Verhalten zu reflektieren. Mit ihr wird der Grundstein für einen gelungenen Dialog geschaffen.

Konstruktiv:

Konstruktive Kritik ist für den Empfänger immer hilfreich. Hier nennt der Gesprächspartner sinnvolle Methoden oder oder Vorschläge zur Verbesserung der Arbeitsleistungen. Unvermeidbar ist dabei, dass gemachte Fehler benannt werden. Gleichzeitig wird er aber auch für die guten Ergebnisse seines Mitarbeiters Lob äußern.

Im Gespräch zwischen beiden Beteiligten ist die Haltung zueinander respektvoll. Die Unterhaltung findet in freundlicher Gesprächskultur statt. Beim Kommunizieren werden sachliche Argumente verwendet. Vor allem der Kritisierte empfindet die Situation nicht als unangenehm, denn beide Seiten begegnen sich wertschätzend. Somit kann konstruktive Kritik auch als nützliche Kritik bezeichnet werden.

Destruktiv:

Das Gegenteil solcher Idealbedingungen erlebt man bei destruktivem Kritisieren. In diesem Fall überwiegt eine angespannte Stimmung. Oft sind Gefühle wie persönliche Kränkung etc. schon zu Beginn vorhanden oder stellen sich im Laufe der Unterhaltung ein. Beide Beteiligte verhalten sich mitunter emotionalisiert. Kritik sachlich zu üben ist ab dem Moment kaum noch möglich. Der Kritisierte versucht, sich mit Rechtfertigungen zu verteidigen.

Positiv:

Die positive Kritik hat die Erfolge und persönlichen Begabungen des Mitarbeiters im Blick. Formulierungen für Verbesserungen fehlen, da sie nicht notwendig sind. Teilweise werden sie zum Ende der Unterhaltung erwähnt, machen aber nicht den Schwerpunkt aus. Positive Kritiken werden allgemein als erfreulich wahrgenommen. Sie bestätigen die eigenen Stärken.

Negativ:

Negative Kritik ist mittlerweile fast zu einem Ersatzbegriff für Kritik als solches geworden. Der Vorgesetzte beanstandet schlechte Leistungen seines Mitarbeiters. Diese Kritikform fassen viele als Kränkung auf. Es kommt daher bei negativen Kritiken besonders auf die angemessene Gesprächsführung ohne Wertung an.

Selbstkritik:

Beim selbstkritischen Verhalten geht der Mitarbeiter in sich und fragt sich selbst, wie kritikfähig er ist. Diese Fragen könnten folgendermaßen aussehen:

  • Kann ich Kritik annehmen?
  • Würde ich mich selbst als kritikfähig bezeichnen?
  • Kenne ich die Unterschiede zwischen gutem und schlechtem Kritisieren?
  • Bin ich kritikfähig in dem Sinn, dass ich konstruktive Kritik äußern kann?
  • Wie verhalte ich mich wenn ich kritisiert werde?

Solche Gedanken richten sich nicht ausschließlich an den Arbeitnehmer. Auch ein selbstreflektierter Vorgesetzte sollte diese Überlegungen zwischendurch an sich stellen. Je bewusster die gedanklichen Stichpunkte durchgegangen werden, umso leichter fällt auch das konstruktive Kritisieren.

Auch außerhalb vom Arbeitsplatz kann man selbstkritisch sein. Dann ist der Begriff 'Selbstreflexion' passender. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Frage, ob man z.B. bei Konflikten im privaten Rahmen versöhnlich argumentiert hat oder nicht.

Die 5 Hauptelemente der konstruktiven Kritik

Geglückte konstruktive Kritik setzt sich aus 5 Säulen zusammen. Sie bilden die Rahmenbedingungen für die Unterredung.

Die perfekte Planung

Vor dem Gespräch wird überlegt, um welches Thema es gehen soll. Dafür könnte der Gesprächsleiter eine Liste mit Stichpunkten aufschreiben. Die Liste kann nach Bedarf natürlich als Leitfaden mit ins Gespräch genommen werden.

Fundierte Argumente nennen

Beanstandungen werden leichter angenommen, wenn man sie begreift. Formulierungen wie 'Die Statistiken waren nicht gut berechnet, weil...' lassen sich viel besser nachvollziehen, da sie sich auf konkrete Situationen beziehen.

Zeitrahmen festsetzen

Für das Gespräch sollte eine zeitliche Spanne festgesetzt werden. Gerade für schwierige Sachverhalte wie Kritiken muss man sich ausreichend Zeit lassen. Eine Viertelstunde zwischen zwei Konferenzen wäre deswegen nicht als Zeitfenster geeignet.

Einfühlsam argumentieren

Einfühlsames Verhalten ist der erste Schritt zum positiven Arbeitsklima. Besonders bei Kritiken. Bedachte Argumente für kritische Aussagen fördern ein offenes, verständnisvolles Miteinander. Achten Sie auf Körpersprache und Reaktion Ihres Gegenübers, um registrieren zu können, ob das Gesagte gegebenenfalls weiterer Ausführungen bedarf.

Gründe vorlegen

Kritik sollte ein Ziel haben: Ein produktives Arbeiten zu fördern. Dies muss vom ersten Moment an deutlich werden. Unter solchen Umständen gelingt ein sachlicher Umgang mit den Kritikpunkten, ohne dass einer der Gesprächsteilnehmer den Zweck für die Zusammenkunft nicht erkennt.

Vorteile konstruktiver Kritik

Beim konstruktiven Beanstanden von Leistungen kann der Empfänger etwas aus dem Dialog mitnehmen. Er weiß, worin er sich noch verbessern kann und hat bereits Vorschläge bekommen, wie es gelingen kann.

Trotz der Kritik fühlt er sich nicht gekränkt. Durch die wertschätzende Gesprächsführung wird der Empfänger der Kritik motiviert. Deshalb bleiben ihm solche Dialoge in guter Erinnerung. Das wirkt sich auch auf das Verhältnis zueinander positiv aus.

Konstruktive Kritik formulieren

Beispiele

Wer konstruktive Kritik äußern möchte, sollte seine Worte bewusst wählen. Respektvolle Bitten werden eher angenommen und umgesetzt als Anordnungen 'von oben'.

  •  'Bitte achten Sie am nächsten Mal mehr auf die Zahlen' klingt viel motivierender als 'Sie haben auf die Zahlen zu achten, ist das klar?'. Beim ersten Beispiel wird der Arbeitnehmer zusätzlich auf Augenhöhe behandelt.
  • Selbst wenn mangelhafte Leistungen zu Wort kommen, kann man sie mit etwas Positivem einleiten: 'Letzte Woche hatten Sie die Aufgabe wirklich gut gemacht. Orientieren Sie sich daran bitte für die Zukunft. Dann wären Ihre Ergebnisse auch besser ausgefallen als heute'.
  • Andere Form: 'Ich kenne Sie sonst immer als zuverlässigen Arbeitskollegen. In der letzten Zeit haben Sie Ihre Arbeit aber nicht mehr so zufriedenstellend erledigt. Haben Sie vielleicht eine Ahnung, woran es liegen könnte?'

Diese Fehler sollten Sie vermeiden

Eine mögliche Fehlerquelle wurde bei den Beispielen dargestellt. Belehrende Sätze oder Phrasen mit Worten wie 'sofort', 'haben Sie das begriffen?' und 'weil ich das gesagt habe' sollten nicht benutzt werden. Durch sie kann sich der Empfänger des Feedbacks herabgewürdigt fühlen.

Nicht vorhandene Begründungen für Kritik sorgen bei Mitarbeitern oft für Unverständnis. Kann die Kritik belegt und erklärt werden, geht der Arbeitnehmer leichter darauf ein.

Von Anfang an sollte klar sein, weshalb zum Kritikgespräch gebeten wird. Solche Unterredungen müssen einen Sinn haben - nämlich eine ernstgemeinte Rückmeldung zu den eigenen Fähigkeiten.

Wertvolle Tipps für die richtige Formulierung

Als Kritik übender Teil eröffnet man die Unterhaltung, indem man sich zuerst auf die (Arbeits-)Erfolge des Gegenübers konzentriert. Erst danach wendet man sich gemeinsam den Mängeln zu.

Die Umgebung sollte einladend und offen aussehen. Helle Räume bieten ein viel freundlicheres Ambiente. Es bringt zudem auch keine Nachteile mit sich, das gemeinsame Gespräch über einer Tasse Kaffee abzuhalten.

Beim Sitzen sollten beide Gesprächsteilnehmer so nebeneinander sitzen, dass zwischen ihnen eine Tischecke Platz hat. Dabei schauen sie sich sozusagen rechtwinklig an. Diese Position vermittelt ein Empfinden der Gleichwertigkeit. Die Konstellation mit einer ganzen Tischplatte dazwischen strahlt eine Hierarchie aus, die eine entspannte Unterredung schwieriger machen kann.

Zudem sollte darauf geachtet werden, dass das Gespräch unter vier Augen gesucht wird und keine anderen Kollegen anwesend sind. Andernfalls könnte der Empfänger der Kritik sich durch die dadurch hergestellte Öffentlichkeit herabgewürdigt fühlen.

Was sind die wichtigsten Regeln bei der konstruktiven Kritik?

Persönliche Konflikte zwischen den beiden Gesprächspartnern gehören nicht in die Unterhaltung hinein. Sie sollten hier keinen Platz haben, sondern am besten vorher geklärt worden sein.

Beide Beteiligte sollten sich aufeinander einlassen können und wollen. Jeder darf zu Wort kommen, um seinen Standpunkt darzustellen. Dabei sollten die Gesprächspartner eine möglichst neutrale Ebene beibehalten.

Kann man lernen, konstruktiv Kritik zu üben?

Diese Frage kann an dieser Stelle bejaht werden. Manchmal braucht es dafür ein paar Anläufe. Mit der Zeit stellt sich aber eine gewisse Übung ein. Für langfristige Erfolge kommt es auf beide Gesprächspartner an. Beide müssen an einem konstruktiven Austausch interessiert sein.

Um konstruktives Kritisieren zu üben, ist zunächst Selbstkritik nötig. Hier sollte derjenige ehrlich zu sich selbst sein. Das bedeutet auch, sich selbst nicht zu streng einzuschätzen. Trotzdem sollte die eigene Einstellung überdacht werden, wenn man das Verhalten seiner Arbeitskollegen oft zu schnell oder unsachlich beanstandet.

Zum Üben von konstruktiven Dialogen können Beratungsstellen für Konfliktmanagement oder Mediatoren aufgesucht werden. In Rollenspielen gehen die Teilnehmer ein beispielhaftes Gespräch durch. Anschließend wird es zusammen mit dem Mediator ausgewertet.

Der richtige Umgang mit Kritik

Einer Sache sollte man sich in der Position des Kritisierten sein: Kritik bezieht sich nicht auf die eigene Person, sondern auf eine Leistung. In einem gelungenen Gespräch wird ganz klar zwischen dem Betreffenden und der Sache differenziert. Genau das gibt die ursprüngliche Wortbedeutung (etwas voneinander trennen oder abgrenzen) wieder.
Sofern sie kritisiert werden, sollten Sie zuerst eins tun: Gut zuhören! So schwer es auch fallen mag, sehen Sie das Gesagte nicht als persönlichen Angriff, sondern als das, was es ist: einen Verbesserungsvorschlag.

Die Ratschläge für bessere Arbeitsergebnisse können wieder stichpunktartig notiert werden. Beim zukünftigen Arbeiten sollte sich der Mitarbeiter seine Hilfestellungen als roten Faden verwenden. Verzichten Sie als Empfänger von Kritik nicht darauf, Rückfragen zu stellen, da nur mit ausreichendem Verständnis der Problemstelung sich die erhoffte Verbesserung verwirklichen lässt. Dann erkennt der Kritik übende Kommunikationspartner auch nach dem Gespräch, dass sein Angestellter die Hinweise beherzigt.

Fazit - konstruktiv kritisiert?

Für Kritikgespräche zwischen Kollegen oder Vorgesetztem und Mitarbeitern müssen die örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten passen. Im Idealfall werden solche Dialoge in einem ruhigen Raum in einer ruhigen Minute geführt.

Je emotionaler man ins Gespräch hineingeht, umso weniger wird es konstruktiv sein. Eine unvoreingenommene Haltung kann die Situation entschärfen und mögliche Konfliktherde abwenden. Dem Empfänger wird es auf diese Weise auch leichter fallen, das Gesagte als Ratschlag wahrnehmen zu können.

Der Empfänger des Feedbacks hat dann konstruktive Kritik erhalten, wenn er aus dem Gespräch nützliche Hinweise für seine künftige Arbeit mitnehmen kann. Darüber hinaus sollte ihn sein Gegenüber während des Gesprächs respektieren und mit Wertschätzung behandeln. Dies gilt natürlich auch für alle anderen Bereiche im Berufsleben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kritik gehört zu unserem Arbeitsalltag wie die Kaffeepause mit den Arbeitskollegen.

  • Der Begriff hat viele Facetten: Es gibt positive und negative Kritik. Bei der ersten Form wird gelobt, bei der zweiten schlechte Arbeitsergebnisse bemängelt.

  • Darüber hinaus kann sie konstruktiv, also hilfreich, sein oder sich destruktiv äußern. In dem Fall erhält der Empfänger keine Ideen, um seine Leistungen zu verbessern. Stattdessen bloß getadelt, ohne konstruktive Vorschläge und Handlungsrichtungen zu erhalten

  • Grundlegend ist eine grundsätzliche Kritikfähigkeit von beiden Seiten. Dazu müssen die Gesprächspartner erkennen, dass Kritik ausschließlich eine Leistung betrifft.

  • Die Persönlichkeiten des Einzelnen darf sie nicht in Frage stellen. Dann würde eine konstruktive Kritik nicht entstehen können.

  • Konstruktive Kritik hat ausschließlich eine Arbeitsleistung im Blick. Sie wird nicht als Anlass für Kränkungen genommen, sondern bleibt sachlich. Gegenseitige Wertschätzung zusammen mit Vorschlägen für effektiveres Arbeiten ist somit die Gelingformel für konstruktive Kritiken.

Dr.Hans-Peter Luippold

Autor: Dr.Hans-Peter Luippold

Dr. Hans-Peter Luippold studierte Betriebswirtschaft in Freiburg und Köln und sammelte als Führungskraft bei Daimler, Volkswagen, Lufthansa, Wella und Vorwerk Erfahrungen in allen wesentlichen Unternehmensbereichen. Seit April 2000 ist er als Unternehmens- und Personalberater in Frankfurt am Main tätig. Er hält regelmäßig Vorträge und lehrt zu den Themen Erfolg und Karriere. Vernetzen Sie sich mit ihm über Xing und Facebook.